Berichte

"Antisemitismus... wo denn?"

Gespräch mit Tswi Josef Herschel und
Natali Herschel aus Israel

Donnerstag, 05. April 2018 16:00 Uhr - 17:00 Uhr
Dienstag, 10. April 2018 11:00 Uhr - 12:00 Uhr
im Offenen Kanal Lübeck ...
Livestream unter www.wirumvier.de oder 98,8 UKW

Antisemitismus ... wo denn? Heute? Das ist doch längst vergangen! So oder ähnlich klingen Erwiderungen, wenn wir im Verein Miteinander leben e.V. von unserem Projekt "ZUGÄNGE SCHAFFEN" berichten. Ein einzigartiges Modellprojekt in Schleswig-Holstein, das von Bundesprogramm "Demokratie leben!" mit Mitteln des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird, um in Schulen und in der Gesellschaft zu diesem schwierigen Thema zu sensibilsieren.

Tswi Josef Herschel und Natali Herschel aus Israel

Diese Erwiderung erscheint verständlich, gibt es doch nur wenig jüdisches Leben in Schleswig-Holstein. Nur rund 130.000 Jüdinnen und Juden leben in Deutschland. Da ist eher unwahrscheinlich, dass man ihnen im Alltagsleben begegnet, gar jüdischen Freunde hat. Damit fehlt allerdings auch jegliche Perspektive für Antisemitismus, von den man eigentlich nur aus Geschichtsbüchern im Schulunterricht erfährt, oder, wie jüngst in Frankreich, als schreckliche Nachricht wahrnimmt.

Wenn man allerdings einmal die Möglichkeit und die Zeit hat, mit Juden zu sprechen, merkt man schnell, dass in ihrem Leben ein steter Schatten mitschwingt. "Eine Gardine, die sich in den Augen deines Gegenübers schließt", so beschreibt Tswi Jodef Herschel eine typische Reaktion von Menschen, wenn sie realisieren, dass er jüdisch ist. Er hat Antisemitismus kennengelernt, als Kind, als Jugendlicher, als Student, als Erwachsener. Und er sieht ihn heute wieder auf seinen Reisen durch Europa. Aufs Neue und in zunehmender Deutlichkeit, gerade auch, weil er in Israel lebt und dieses Gefühl von sich schließenden Gardinen in den Augen von Menschen dort gar nicht kennt.

Es ist ein Gefühl, dass Tswi Josef Herschel nicht akzeptieren mag, vor allem nicht bei jungen Menschen, die doch offen und neugierig in die Welt schauen sollen. Und so sucht er zusammen mit seiner Tochter Natali immer wieder das Gespräch... über Juden in Israel, Juden in Deutschland, über die Vergangenheit und die Gegenwart... mit ausgestreckter Hand und klarem Blick, damit erst keine Gardinen in den Köpfen der Menschen gewebt werden.

Das ist zuweilen schwierig ... denn Antsemitismus, die Urform aller Diskriminierung, ist höchst wandelbar. Eine Projektionsfläche für nahezu jedes Vorurteil ... sich stetig anpassend, kleidend in zeitgemäßen Gewändern, doch immer mit den gleichen, uralten Zielen: Menschen als Juden abwerten zu können. Tswi Josef Herschel und Natali Herschel sprechen darüber mit Mark Sauer und Gabriele Hannemann vom Verein Miteinander leben e.V.. Eine neue Perspektive, für alle, die zuhören mögen.


Angela W. Röders bewegte als „Rose“ in der Maria-Magdalenen-Kirche in Mustin

Ein bewegender Theaterabend

Einen bewegenden Theaterabend mit einem beeindruckende Stück über eine jüdische Lebensgeschichte durften rund 50 Zuschauer*innen Anfang März trotz frostig kalter Temperaturen in der Maria-Magdalenen-Kirche in Mustin erleben. Angela W. Röders aus Hamburg gastierte auf Einladung eines Mustiner Freundeskreises und des Vereins Miteinander leben e.V. mit dem Stück „Rose“ von Martin Sherman und zog das Publikum in unwiderstehlicher Weise vom ersten Moment in den Bann ihres Monologes.

Rose

Angela W. Röders sitzt schon beim Eintreffen der Gäste als „Rose“ Schiv'a

Auf der improvisierten Bühne im Altarraum erschien Rose, eine ältere Jüdin, die auf einer Holzbank Schiv'a ist sitzt, die jüdische Totenwache, für ein palästinensisches Mädchen, das von ihrem radikalisierten Enkel in Israel getötet wurde. Sie entrollte binnen einer Stunde ihre Lebensgeschichte, die in der Ukraine beginnt, die Zeit der Shoa umfasst, die Ermordung eines eigenen Kindes und den Verlust des Ehemannes, und sich fortsetzt im Exodus nach Israel und einem neuen Leben in Amerika bis in die jüngste Gegenwart nach Israel, wo die Saat des Hasses erneut verführt und Menschen einander Leid zu fügen lässt. Rose predigt dabei nicht moralisch, sie stellt all die Ereignisse in den Zusammenhang ihres Lebens und erreicht gerade in dieser Perspektive eine Eindringlichkeit, die das Publikum in der Mustiner Kirche gefesselt und sehr still zurücklies. Und anschließend für reichlich Gesprächsstoff sorgte, auch vor dem Hintergrund der parallel gezeigten Ausstellung „Jüdische Lebenswelten in Deutschland heute“ im Vorraum der Kirche.

Rose

Anschließende Gespräche im Forum vor der
Ausstellung „Jüdische Lebenswelten in Deutschland heute“

Rose

Aus Sicht des Vereins Miteinander leben e.V. war der Theaterabend mit Angela W. Röders ein sehr gelungener Beitrag im Rahmen des Projektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“, das unter anderen nach Wegen sucht, Begegnungen mit jüdischen Leben im gesellschaftlichen Kontext zu fördern, mit Angeboten, die möglichst niederschwellig, einladend und nah bei den Menschen sind. All dieses wurde mit „Rose“ in Mustin erreicht und ist somit beispielgebend für die weitere Projektarbeit, die vom Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird.


Fachaustausch – „Jüdisches Leben heute – Begegnungen im schulischen Kontext fördern“

21.03.2018, 14:00 – 18:30 Uhr
Gemeinschaftsschule Mölln, Auf dem Schulberg

Die fehlenden Bezüge zum jüdischem Leben der Gegenwart ist für Schüler*innen und Lehrkräfte gleichermaßen ein großes Hindernis in der Bearbeitung von Antisemitismusin seinen aktuellen Ausprägungen. Konkrete Zugänge zu jüdischen Lebenswelten sowie Begegnungen und Austausch mit möglichst gleichaltrige Jüdinnen und Juden, würden vor allem jungen Menschen helfen, Perspektiven auf aktuelle antisemitische Tendenzen zu gewinnen, diese besser erkennen, nachvollziehen und einordnen zu können. Ein Fokus auf gemeinsame, aktuelle Lebenserfahrungen würde zudem dazu beitragen, das historisch fixierte Bild von Juden in einer Opferrolle aufzubrechen und wäre so eine wichtige Ergänzung zur Vermittlung des Holocausts im Unterricht.

Eine Chance zu solch gegenwartsbezogenen Begegnungen mit jüdischem Leben liegt unter anderem in Schulpaten- bzw. partnerschaften, mit Schulen in Israel, aber auch mit jüdischen Schulen in der Region. Entsprechend möchte die Konzeptwerkstatt des Vereins Miteinander leben e.V. mit Schulen vor Ort in diesem Jahr die Möglichkeiten solcher Schulpaten- und -partnerschaften erörtern und gerne auch anbahnen. Dazu sollen zum einen jüdische Partnerschulen in Israel, aber auch in Deutschland gewonnen und mit Schulen vor Ort in Kontakt gebracht werden, unterstützt und beraten durch Schulen, die bereits Erfahrungen mit solchen Verbindungen haben.

Ein Auftakt hierzu soll dieser Fachaustausch sein, der im ersten Schritt Lehrkräfte vor Ort einlädt, sich über die konkreten Möglichkeiten von Paten- und Partnerschaften zu informieren und gemeinsam Wege zu der Realisierung aufzeigen möchte. Die vielfältigen Bezüge des Kooperationspartners Yad Ruth e.V. zu jüdischen Schulen in Israel, Deutschland und zu Yad Vashem, die mit den "ICHEIC Partnerschulen" ein eigenes Partnerkonzept verfolgen, sollen dabei zum Tragen kommen.

Ebenso sollen Möglichkeiten zu Fensterveranstaltungen in Schulen vorgestellt werden, die ebenfalls Begegnungen mit "Jüdisches Leben heute" ermöglichen. Dies können niederschwellige Angebote wie Schulkonzerte mit jüdischen Musiker*innen, Theaterspiele oder Exkursionen zu Stätten jüdischen Lebens sein.

Der Fachaustausch ist zunächst als Auftakt und als Plattform zum Kennenlernen geplant und soll im Jahresverlauf inhaltlich vertieft werden.

Der Fachaustausch wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ .

Programm:

14:00 Uhr Begrüßung / Einführung

14:10 Uhr Jüdisches Leben in Deutschland - Ein Blick in die Gegenwart
Dr. Ittai Joseph Tamari, Leiter des Zentralarchivs zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland

14:45 Uhr Begegnungen mit jüdischen Leben durch Schulpartnerschaften / Schulpatenschaften in Israel
Erfahrungsberichte (Beitrag 1)
Gabriele Hannemann (Projektleitung ZUGÄNGESCHAFFEN) - Vermittlung von Partnerschulen in Israel

15:00 Uhr Begegnungen mit jüdischen Leben durch Schulpartnerschaften / Schulprojekte mit Israel
Erfahrungsberichte (Beitrag 2)
Anke Frank (Leibniz-Gymnasium Bad Schwartau) - Schülerprojektfahrten des Leibniz-Gymnasium Bad Schwartau, der Thomas-Mann-Schule und des Katharineum in Lübeck

15:30 Uhr Begegnungen mit jüdischen Leben durch Schulpartnerschaften / Schulprojekte mit Israel
Erfahrungsberichte (Beitrag 2)
Jan-Christian Schwarz (Altes Gymnasium Flensburg), Schulpartnerschaft des Alten Gymnasium Flensburg mit der Jigal Alon-High School in Rischon LeZion

16:00 Uhr Pause

16:15 Uhr Begegnungen mit jüdischen Leben vor Ort (Schulpartnerschaften/ Schulpatenschaften, Projekte, Einzelveranstaltungen)
Oliver Thron, Jüdisches Bildungshaus an der Joseph-Carlebach-Schule Hamburg

16:45 Uhr Begegnungen mit jüdischen Leben vor Ort (Schulpartnerschaften/ Schulpatenschaften, Projekte, Einzelveranstaltungen)
Elisabeth Friedler, Jugendzentrum Chasak der Jüdischen Gemeinde in Hamburg (angefragt)

17:15 Uhr Begegnungen mit jüdischen Leben durch Schulpartnerschaften/ Schulpatenschaften vor Ort
Miriam Halberstamm (Ariella-Verlag) – Jüdisches Leben heute im Unterricht thematisieren – Praxisbeispiele

17:45 Uhr Begegnungen mit jüdischen Leben durch Schulpartnerschaften/ Schulpatenschaften vor Ort
Gabriele Hannemann (Projektleitung ZUGÄNGESCHAFFEN) – Angebote des Bundesmodellprojektes

18:00 Uhr Fragen, Diskussion und Austausch

18:30 Uhr Verabschiedung


„ROSE“ - Ein besonderes Theaterstück an einem besonderem Ort

Angela W. Röders gastiert in der
Maria-Magdalenen-Kirche in Mustin

„ZUGÄNGE SCHAFFEN“, zu jüdischem Leben, jüdischen Themen ist Auftrag und Titel eines Modellprojektes, welches der Verein Miteinander leben e.V. im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ seit 2016 betreibt. Während diese Arbeit schwerpunktmäßig in Schulen der Region stattfindet, in Form von Unterrichtsentwicklungen zu aktuellen Phänomen des Antisemitismus, werden parallel auch unterschiedliche Möglichkeiten und Formate gesucht, Begegnungen mit jüdischen Leben im gesellschaftlichen Kontext zu ermöglichen, mit Angeboten, die möglichst niederschwellig, einladend und nah bei den Menschen sind. In diesem Sinne bietet sich am 01. März um 19:00 Uhr eine solche Möglichkeit in Mustin, im Rahmen einer Theateraufführung in der Maria-Magdalenen-Kirche. Angela W. Röders wird dort mit dem sehr eingängigen Stück „Rose“ von Martin Sherman gastieren, und eine Begegnung mit jüdischen Leben in ganz vielen Facetten ermöglichen, die an Aktualität kaum zu überbieten ist.

Rose

Rose ist die Lebensgeschichte einer Jüdin im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert, die Geschichte einer Frau, die Witz, Humor, Weisheit, Geist, Gefühl und Lebenskraft in sich vereinigt. Rose erzählt vom Untergang der jiddischen Kultur, von der Kluft zwischen liberalen und orthodoxen Israelis und von der Entfremdung zwischen Israelis und Juden aus der Diaspora in der „Alten Welt“. Rose überlebt als einzige in ihrer Familie den Holocaust und nimmt in Amerika tatkräftig am wirtschaftlichen Aufschwung teil. Doch ihr Sohn Abbie wandert nach Israel aus, und ausgerechnet sein Sohn wird eines Tages unter dem Einfluss ultraorthodoxer Siedler ein Palästinenser-Mädchen erschießen, für das Rose Shivá sitzt. Hier schließt sich der Kreis des Verstehens zwischen früher und aktueller Geschichte. Rose fragt nicht nach Religion, Kultur, nach Bildung und sozialer Herkunft, für sie zählt nur der Mensch und sein Recht auf Würde. Sie fordert nicht den Hass und die Vergeltung, sondern fördert die Liebe in jedem von uns.

Der Hamburger Schauspielerin Angela W. Röders liegt gerade dieses Solostück ob seiner Aussagekraft und seiner eindringlichen Botschaft sehr am Herzen und sie hat sofort begeistert zugesagt, es auch einmal im ländlichen Raum, in der besonderen Atmosphäre einer alten Dorfkirche aufzuführen. Ein Mustiner Freundeskreis hatte diese Idee aufgeworfen und den Kontakt zum Verein Miteinander leben e.V. gesucht, ob dieser im Rahmen des Projektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ eine solche Aufführung unterstützen könnte. „Wir sind sehr dankbar über diese Initiative, liegt sie doch genau im Fokus unserer Arbeitsgruppe „Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft“ und ihres präventiven Konzeptes „Begegnungen und Austausch mit jüdischem Leben schaffen. Von daher unterstützen wir sehr gern und freuen uns auch auf ein ungewöhnliches Theaterereignis an einem ungewöhnlichen Ort“, sagte Mark Sauer, Vorsitzender des Vereins Miteinander leben e.V..
Der Eintritt zur Aufführung ist kostenlos.


"Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft begegnen“

Möllner Bundesmodellprojekt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ vermittelt weitere Schulfortbildung mit Berliner Bildungsträger KIgA e.V.

Mit einer weiteren Lehrerfortbildung hat der Verein Miteinander leben e.V. das zweite Arbeitsjahr seines Bundesmodellprojektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ abgeschlossen. Zusammen mit dem Bildungsträger „KIgA e.V. - Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus“wurden Lehrkräfte der Lübecker Hanse-Schule zum Thema „Antisemitismus heute – Antisemitismus im Kontext von Migration“ fortgebildet, einem hochaktuellen Komplex, der insbesondere auch Schulen und Lehrkörper vor besondere pädagogische Herausforderungen stellen kann.

„Antisemitische Denk- und Deutungsmuster sind in allen Teilen der deutschen Gesellschaft anzutreffen. Die Motive und Erscheinungsformen sind derweil vielfältig. Häufig spielt die NS-Vergangenheit eine Rolle, die als moralische Last empfunden wird. Zudem treten antisemitische Einstellungen immer häufiger unter Bezugnahme auf den Nahostkonflikt und den Staat Israel auf. Über seine grundlegende weltpolitische und lebensweltliche Bedeutsamkeit hinaus scheint dieser Konflikt eine zentrale Projektionsfläche und/oder Ursache antisemitischer Deutungsmuster, Positionierungen und Handlungen zu sein“, beschreibt Jan Brezger von KIgA e.V. die Problemlage, für die es Handlungsoption im schulischen Alltag zu entwickeln gelte.

zugänge Schaffen

Jan Brezger von KIgA e.V. (Bildmitte) vermittelt Handlungsoptionen für die pädagogische Auseinandersetzung mit Antisemitismus im schulischen Alltag

zugänge Schaffen

Innovative Methoden und Konzepte im Sinne einer antisemitismuskritischen politischen Bildung zum Nahostkonflikt können ausprobiert werden

Das Bundesmodelprojekt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ des Vereins Miteinander leben e.V. versucht hierbei Schulen in der Region als Ansprechpartner und Vermittler zur Seite zu stehen, indem es über ein bestehendes Netzwerk namhafter Bildungsträger fundierte und kompetente Fortbildungen vor Ort ermöglicht und zudem auch eigene Unterrichtseinheiten und Lehrmodule zum Themenfeld „Antisemitismus heute“ im Rahmen einer Werkstatt entwickelt, austestet und evaluiert. Ermöglicht wird diese Arbeit durch eine Förderung des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ im Auftrage des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Es ist landesweit das einzige bundesgeförderte Projekt mit dem Fokus auf Antisemitismus.

In der Hanse-Schule, die Berufsschule für Wirtschaft und Verwaltung in Lübeck, wurde das Angebot des Projektes sowie die Vermittlung einer solchen Fortbildung gerne angenommen. 12 Lehrer*innen diskutierten einen Tag lang intensiv zentrale Begriffe und praxisorientierte Herausforderungen zum aktuellen Antisemitismusgeschehen. Darüber hinaus wurden konkrete, bewährte und innovative Methoden und Konzepte im Sinne einer antisemitismuskritischen politischen Bildung zum Nahostkonflikt ausprobiert, die KIgA e.V. für die pädagogische Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft entwickelt und in der schulischen Praxis erfolgreich eingesetzt hat.

„Die Arbeit unseres Modellprojektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ wird auch im kommenden Jahr fortgeführt werden. Dabei richtet sich der Fokus auf Begegnungen mit jüdischem Leben im schulischen Kontext. Allerdings bleibt auch das Thema „Antisemitismus im Kontext von Migration“ weiter ganz oben auf der Agenda, da hier erheblicher Fortbildungs- und Unterstützungsbedarf in den Schulen festgestellt wurde, den wir im Rahmen unserer Projektmöglichkeiten unbedingt gerecht werden wollen. Hierfür sind wir gerne Ansprechpartner der regionalen Schulen“, sagte Mark Sauer, Vorsitzender des Vereins Miteinander leben e.V..


"Un as de rebe singt" - Jiddischer Liederabend mit Rabbiner Dr. Yakov Yosef Harety begeisterte Publikum

"Un as de rebe singt, singn ale chasidim"

"Un as de rebe singt, singn ale chasidim" - diese Textzeile war Programm beim ersten jiddischen Liederabend im Rokokosaal des Kreismuseums. Ein sangesfreudiges und begeistertes Publikum intonierte vergangene Woche gemeinsam mit Rabbiner Dr. Yakov Yosef Harety jiddische Lieder, darunter viele bekannte viele Melodien, die das Mitsingen einfach machten. Von "Tum-Balalaika" über "Magaritkelech" bis hin zu bekannten Kanons wie "Shalom Chaverim" oder "Hine ma tov" erklangen fröhliche wie auch melancholische Lieder, erst etwas verhalten, ob der ungewohnten Sprache, die sich allerdings beim Singen zunehmend vertraut zeigte. Begleitet von Christina Meier am Flügel nahm so der Spaß am gemeinsamen Singen stetig zu, wie auch die Lautstärke des Laienchores, der ein ums andere Mal bestimmte Lieder noch einmal singen wollte. Rabbiner Harety, der die Liedtexte jeweils erläuterte, genoss mit sichtlicher Freude die Interaktion mit dem Publikum und versprach zum Abschluss, im kommenden Jahr gerne zu einem weiteren jiddischen Liederabend nach Ratzeburg zu kommen.

Jiddischer Liederabend

Erfreut zeigten sich auch Solveig Steinkamp und Mark Sauer über den Erfolg des Abends, der im Rahmen des Bundesmodellprojektes "ZUGÄNGE SCHAFFEN" des Vereins Miteinander leben e.V. mit dem Ziel durchgeführt wurde, niederschwellig Begegnungen mit jüdischen Leben zu ermöglichen. "In unserem Projekt "ZUGÄNGE SCHAFFEN", das durch das Bundesprogramm "Demokratie leben!" gefördert wird, suchen wir primär in Schulen, aber auch in der breiten Öffentlichkeit nach Wegen, jüdischem Leben hier und heute begegnen zu können, sei es im Unterricht, in Schulpatenschaften oder einfach beim gemeinsamen Singen. Denn wer jüdische Menschen kennt, hinterfragt antisemitische Äußerungen viel eher, als wenn sie einem fremd sind", sagte Projektleiter Mark Sauer.

Jiddischer Liederabend

Der jiddische Liederabend ist eine Kooperationsveranstaltung mit dem Folk-Club Herzogtum Lauenburg und wird gefödert vom Bundesprogramm "Demokratie leben!" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.


Jiddische Lieder – Liederabend und offenes Singen

21.11.2017, 19:00 Uhr
im Rokokosaal des Kreismuseums in Ratzeburg

Jüdisches Leben vor Ort sichtbar machen und Begegnungen zu ermöglichen ist ein wesentliches Anlieges des Projektes "ZUGÄNGE SCHAFFEN" des Vereins Miteinander leben e.V.. Besonders eignen tut sich dafür die verbindene Kraft von Musik, vor allem wenn man nicht nur zuhört, sondern auch zusammen singt. Diese Erfahrung hat Rabbiner Dr. Yakov Yosef Harety schon häufig gemacht, wenn er in seiner jüdischer Gemeinde in Wolfsburg zum Singen jiddischer Lieder einlädt. In seiner weiteren Zuständikeit als Lübecker Rabbiner möchte er diese Möglichkeit auch im Norden etablieren und hat dazu im Verein Miteinander leben e.V. einen sehr Partner gefunden. Erstmalig wird jetzt ein jiddischer Liederabend am 21.11.2017 um 19:00 Uhr im Rokokosaal des Kreismuseums in Ratzeburg angeboten, kostenfrei und offen für alle, die neugierig sind. Christina Meier wird den Liederabend am Flügel begleiten, Rabbiner Harety durch die Lieder führen und sie erklären. Mitsingen können alle, auch wenn jiddisch zunächst unbekannt erscheinen mag. Die ausgewählten Lieder machen es jedoch sehr leicht, sich einzufinden, um dann doch überrascht zu sein, wie geläufig jiddisch zuweilen klingt, gerade wenn es gesungen wird.

Plakat Jiddische Lieder

"Wir freuen uns sehr auf den ersten Liederabend mit Rabbiner Dr. Yakov Yosef Harety und Christina Meier, gerade auch aus der Perspektive unsere Bundesmodellprojektes "ZUGÄNGE SCHAFFEN", das sich mit dem Thema "Antisemitismus heute" befasst. Wir wissen, das Antisemitismus viele Quellen hat. Vor allem aber die fehlende Begegnung mit jüdischem Leben ist dabei ganz entscheidend. Wo es kaum Möglichkeit gibt, mit Jüdinnen und Juden ins Gespräch zu kommen, können sich antisemitische Tendenzen besonders unwidersprochen verbreiten", sagt Mark Sauer vom Verein Miteinander leben e.V., verbunden mit dem Hinweis, dass Rabbiner Harety sich über viele Fragen und Gespräche nach dem Konzert sehr freuen würde.

Der jiddische Liederabend ist eine Kooperationsveranstaltung mit dem Folk-Club Herzogtum Lauenburg und wird gefödert vom Bundesprogramm "Demokratie leben!" des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.


Zeitzeugen der Shoaerzählen von damals für heute – Eva Szepesi und Juliane Zarchi berichten von ihrer Kindheit im Holocaust und ihrer Arbeit mit Schüler*innen heute

09. November 2017 ab 13:00 Uhr in den Offenen Kanälen Schleswig-Holsteins

Der 09. November ist ein in vielerlei Hinsicht bedeutsames Datum der deutschen Geschichte, dessen dunkelstes Kapitel 1938 geschrieben wurde, in der sogenannten „Reichsprogromnacht“. Am 9. auf den 10. November 1938 brannten die Synagogen, in Deutschland, in Österreich, in der Tschechoslowakei. Organisierte Schlägertrupps setzten jüdische Geschäfte und Gotteshäuser in Brand setzten, tausende Juden wurden misshandelt, verhaftet oder getötet. Spätestens an diesem Tag konnte jeder in Deutschland sehen, dass Antisemitismus und Rassismus bis hin zum Mord staatsoffiziell geworden waren. Diese Nacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in der Geschichte der Menschheit.

Zeitzeugen

Juliane Zarchi und Eva Szepesi (v.l.)

Eva Szepesi und Juliane Zarchi haben diese Zeit miterleben müssen, als Verfolgte des NS-Regimes, als Überlebende des Holocaust. Sie engagieren sich bis heute gegen das Vergessen, in dem sie ihre Lebensgeschichte Schüler*innen erzählen und sie einladen, zu fragen und abermals zu fragen, was geschehen ist und wie es geschehen konnte.

Eva Szepesi wird als 11-jährige von Ungarn in die Slowakei geschickt, wo sie gefangen genommen und nach Ausschwitz verschleppt wird. Über 50 Jahre kann sie nicht über das Erlebte sprechen. Mittlerweile hat sie ihre Fluchtgeschichte in einer Biografie veröffentlicht: „Mädchen allein auf der Flucht“ (Metropol Verlag)./p>

Juliane Zarchi erlebte als Kind das Kaunaer Ghetto. 1944 marschierten die Sowjets in Litauen ein und im April 1945 wurden Juliane und ihre Mutter nach Tadschikistan verschleppt. Mit dem Tod von Stalin 1953 kamen sie frei und kehrten nach Litauen zurück.

Auf Einladung von Yad Ruth e.V. und des Vereins Miteinander leben e.V. nehmen sich Eva Szepesi und Juliane Zarchi dabei auch die Zeit, im Offenen Kanal über ihre Lebenserfahrungen zu sprechen, nicht nur mit dem Blick in ihre Vergangenheit, sondern vor allem mit einem Blick auf heute und der Mahnung, sehr aufmerksam zu sein gegenüber antisemitischen Tendenzen in der Gegenwart. Ihre Lebensgeschichten geben Auskunft, wie aus antisemitischen Haltungen und Äußerungen ein beispielloser Völkermord erwachsen kann und fordern auf, heute ganz genau hinzuschauen, hinzuhören und Partei zu ergreifen, wenn Unmenschlichkeit sich zu zeigen beginnt.

Ein Beitrag des Projektes "ZUGÄNGE SCHAFFEN" im Bundesprogramm "Demokratie leben!" des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Die Sendung ist am 09. November 2017 zuhören:
ab 17:00 Uhr im OK Lübeck, unter 98,8 MHz UKW
und im Web: wirumvier.de
ab 13:00 im OK Westküste, Frequenzen unter oksh.de/wk/hoeren/westkueste-fm
und im Web unter oksh.de/wk/hoeren/westkueste-fm-livestream
sowie
ab 16:00 Uhr im OK Kiel, unter 101.2 MHz UKW
und im Web unter oksh.de/ki/hoeren/kiel-fm-livestream


FRÜHE PRÄVENTION – ERSTBEGEGNUNG MIT DEM JUDENTUM UND DER SHOA IN DER GRUNDSCHULE (KLASSENSTUFE 4)

Konzeptwerkstatt „Zugänge schaffen“ stellt ersten Ergebnisbericht vor.

In Zusammenarbeit mit Experten*innen von Yad Ruth e.V., vom Anne Frank Zentrum Berlin, von der German Speaking Countries Section der Inter­nationale Schule für Holocaust Studien (ISHS) der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem und vom Pädagogischen Zentrum des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt wurden 2016 in der Konzeptwerkstatt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ zeitgemäße Unterrichtskonzepte für die Erstbegegnung mit dem Judentum und der Shoa in der Grundschule (Klassenstufe 4) zusammengetragen und anschließend in einem ganzjährigen Unterrichtsbetrieb vermittelt, ausgetestet und auf ihre Wirksamkeit evaluiert.
Dabei handelte es sich zum einen um Buchmedien, in Form von kindgerecht erzählten Geschichten, die in der Zeit des „Holocaust“ angesiedelt sind, eine Ausstellung zu Anne Frank, die sich ihrem Leben über die Thematik „Ich schreibe ein Tagebuch“ nähert sowie ein virtuelles Online-Medium zum Versteck von Anne Franks Familie.

Auftaktkonferenz mit Experten*innen zum Thema „Erstbegegnung mit dem Judentum und der Shoa in der Grundschule“

Auftaktkonferenz mit Experten*innen zum Thema „Erstbegegnung mit
dem Judentum und der Shoa in der Grundschule“

Fünf Partnerschulen im Kreis Herzogtum Lauenburg und im Kreis Stormarn beteiligten sich an diesem Prozess und arbeiten unter Anleitung von Projektleiterin Gabriele Hannemann mit den verschiedenen Lehrkonzepten und Lehrmedien. Dabei wurden 309 SchülerInnen mittels einfach gestalteter Fragebögen zu ihren jeweiligen Unterrichtserfahrungen Erfahrungen befragt, vor allem im Hinblick, ob eine Wissensvermittlung erfolgte, die Lehrmedien als spannend empfunden wurden, die beschriebenen Personen und Figuren emphatische Zugänge zum Geschehen sowie eigene Identifikationen dazu ermöglichten und weiteres Interesse an den Themen „Shoa“ und „Judentum“ geweckt werden konnte.

Grundschüler*innen der Till-Eulenspiegel-Schule Mölln arbeiten in der Ausstellung Lesen & Schreiben mit Anne Frank

Grundschüler*innen der Till-Eulenspiegel-Schule Mölln arbeiten in
der Ausstellung "Lesen & Schreiben mit Anne Frank"

Zudem nahmen 284 SchülerInnen an einer weiteren Evaluation zu ihrem Vorwissen zum Thema „Judentum“ und „Shoa“ teil. All diese Ergebnisse sowie eine Beschreibung der Lehrmaterialien sind von Projektleiterin Gabriele Hannemann jetzt in einem Bericht zusammengefasst worden, als praxisbezogener Erfahrungsschatz, der vor allem Lehrkräften Anregungen geben soll, den eigenen Unterricht zum Thema „Shoa“ zu wagen und auszugestalten.

Bericht Frühe Prävention

Der Bericht wird dem schleswig-holsteinischen Bildungsministerium sowie dem Instituts für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) als Lehrplanempfehlung überreicht und in größerer Auflage als gedruckte Broschüre zur Verfügung gestellt. Er kann zudem direkt beim Projektträger der Konzeptwerkstatt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ kostenlos bezogen werden, steht aber auch als PDF-Download hier zur Verfügung (0,8 MB).


Übergreifendes Jahresthema
"Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft"

Antisemitismus in den Medien
Wenn antisemitische Deutungen unser Weltbild bestimmen

Haus der Kirche „Sibrand Siegert“ in Güstrow

Vom 23.-25. Juni 2017 fand im Haus der Kirche „Sibrand Siegert“ in Güstrow ein lehrreiches Seminar zum Thema „Antisemitismus in den Medien“ statt. Es wurde von der Evangelischen Akademie der Nordkirche veranstaltet und vom Bundesprogramm: „Demokratie Leben – Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ gefördert.
Die Veranstalter schrieben in ihrer Ankündigung: „ Fast jeder Meldung über Israel in den Nachrichten folgen Beiträge in den sozialen Medien, die sich antisemitischer Stereotype bedienen. In Kommentaren und Karikaturen behaupten sich immer wieder Vorurteile aus der langen und prägenden Tradition der Judenfeindschaft.
Vergangene Deutungsmuster, z. B. in den großen Passionsmusiken des Protestanten Johann Sebastian Bach, wirken bis heute nach. Sensibilität im Wahrnehmen und klarer Einspruch sind deshalb notwendig. In Fachvorträgen, im Gespräch und in der Arbeit an Texten widmen wir uns auf der Tagung den antisemitischen Deutungen in den Medien und Fragen nach dem Umgang damit.“

Diese Themenstellung war auch für die Arbeitsgruppe „Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft“ des vom Verein Miteinander leben e.V. getragenen Bundesmodellprojektes "ZUGÄNGE SCHAFFEN - Konzeptwerkstatt Anti­semitismus" hochinteressant und wurde dort von Sieghard Bußenius vertreten.

Eine aktuelle Bedeutung bekam das Seminar durch die Kontroverse um den Film von  Joachim Schröder und Sophie Hafner: „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“. ARTE und WDR hatten eine Dokumentation über den virulenten Antisemitismus in Auftrag gegeben, den eingereichten Film aber abgelehnt, weil der Filmemacher und seine Co-Autorin angeblich das Thema verfehlt hatten. Ihr Film offenbarte mit zeitgenössischen Reportagen und historischen Rückblicken den Antisemitismus in Deutschland, Frankreich und den palästinensischen Autonomiegebieten. ARTE und WDR weigerten sich zunächst, den Film auszustrahlen, weil er nach ihrer Meinung unausgewogen war und handwerkliche Mängel hatte. Nach heftigen Protesten erklärte sich ARD bereit, den Film am 21.07.17 – also zwei Tage vor dem Seminar - zur besten Abendzeit zu zeigen und anschließend in der Sendung Maischberger diskutieren zu lassen.

Auf diesen Konflikt bezog sich Klaus-Dieter Kaiser, Direktor der Evangelischen Akademie, bereits in seiner thematischen Einführung und zeigte damit die Brisanz der Themenstellung auf. In den folgenden Arbeitseinheiten schilderten hochkarätige Referenten, wie antisemitische Einstellungen die öffentlichen Diskussionen in den Medien beeinflussten:

Dr. Peter Ulrich, Soziologe und Kulturwissenschaftler an der TU Berlin mit dem Forschungsschwerpunkt: „Soziale Bewegungen“, skizzierte am ersten Abend die öffentliche Thematisierung und die juristische Behandlung des Antisemitismus. Er zeigte auf, welche offenen oder verborgenen Sprachmuster und Symbole immer wieder in Erscheinung treten und an tiefsitzende Ressentiments anknüpfen. Eine besondere Beachtung widmete er der Israelfeindschaft linker Gruppierungen, die sich häufig antisemitischer Schablonen bedienten. Es waren vor allem die sogenannten K-Gruppen im Westen, die israelische Militäraktionen mit NS-Verbrechen gleichsetzten („Endlösung der Palästinenserfrage“) und damit den Holocaust relativierten.

(vl.) Juri Rosov von der Jüdischen Gemeinde Rostock, Klaus-Dieter Kaiser, Direktor der Evangelischen Akademie, Michael Jonathan Wuliger von der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung im Gespräch zum Thema "Antisemitismus heute"

Juri Rosov von der Jüdischen Gemeinde Rostock, Klaus-Dieter Kaiser, Direktor der Evangelischen Akademie, Michael Jonathan Wuliger  vonder Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung im Gespräch zum Thema "Antisemitismus heute"

Lukas Betzler, Philologe an der Georg-August-Universität Göttingen, begann den zweiten Tag, in dem er die Debatten über das Judentum und den Staat Israel in den deutschen Printmedien untersuchte. Passenderweise hatte er sein Referat mit dem Worten: „Antisemitismus mit gutem Gewissen“ überschrieben. Nach seiner Darstellung werden an den Staat Israel fast durchgängig andere Anforderungen als an die Nachbarstaaten gestellt („Double Standards“), hieran schließt sich oft eine Dämonisierung und Delegitimierung von Israel an.

Prof. Dr. Johann Michael Schmidt, emeritierter Theologe und Bibelwissenschaftler an der Universität Köln, schilderte sehr anschaulich, wie mit der Passionsmusik von Johann Sebastian Bach traditionell judenfeindliche Stimmungen in den Kirchen verbreitetet wurden. Besonders die Matthäus-Passion trug mit ihrem markanten Ausspruch: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ dazu bei, antijüdische Einstellungen über Jahrhunderte zu bestärken.

Hagen Troschke, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt: „Verbal-Antisemitismen im Internet“ an der TU Berlin, referierte über Kommentare in den sozialen Medien. Im Unterschied zu den Print-Medien, die sich zumindest formal um eine Political Correctness bemühen, verbreiten User im Netz oft hemmungslos Verschwörungstheorien, Holocaust-Relativierungen oder mittelalterliche Stereotypen. Juden wurden z.B in der Beschneidungs-debatte als Kinderschänder, während des Gazakrieges als die neuen Nazis und nach den Terroranschlägen vom 11. September 2011 als dessen Hintermänner bezeichnet.

Am dritten Tag berichteten Juri Rosov von der Jüdischen Gemeinde Rostock und Michael Jonathan Wuliger von der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung über den ganz konkreten Antisemitismus, dem sie bei ihrer Arbeit begegnen. So gehen in ihren Büros nahezu täglich hasserfüllte Mails und Briefe mit vielfältigen Anschuldigungen ein. Im Unterschied zu früheren Jahrzehnten, als solche Schreiben noch anonym versandt wurden, werden sie heute oft unverhüllt mit konkreter Absenderangabe verfasst.

Diskussionsrunden und Workshops begleiten die Fachtagung „Antisemitismus in den Medien"

In Diskussionsrunden und Workshops konnten die dargestellten Forschungsergebnisse vertieft, hinterfragt und besprochen werden. Hier zeigte sich einige Male, wie notwendig die Auseinandersetzung mit dem aktuellen Antisemitismus auch und gerade in gut gebildeten Kreisen ist. Mehrmals wurde Israel im Plenum und bei Pausengesprächen als „Apartheidsstaat“ und das Judentum als „Religion der Rache“ bezeichnet, was einerseits zustimmendes Kopfnicken und andererseits empörte Reaktionen verursachte. Dem Referenten und dem Tagungsleiter, Klaus-Dieter Kaiser, war es zu verdanken, dass die notwendigen Diskussionen konstruktiv und sachlich geführt werden konnten.

Im abschließenden Plenum wurde angeregt, dass die aufgeworfenen Fragen in weiteren Seminaren besprochen und behandelt werden. Hierzu könnte das gemeinsame Projekt der Evangelischen Akademien: „Antisemitismus und Protestantismus. Verstrickungen – Beiträge – Lernprozesse“ einen guten Rahmen bieten. Das Haus der Kirche „Sibrand Siegert“ in Güstrow, das nach einem mutigen Pastor der Bekennenden Kirche benannt wurde, hat sich als geeignete und gut ausgestattete Tagungsstätte für nachfolgende Seminare erwiesen.


Werkstattthema
"Antisemitismus im Kontext von Migration"

Berliner Experten schulen Möllner Lehrkräfte zu aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus

Antisemitismus ist mit Blick auf die deutsche Geschichte im schulischen Lehrplan als Bildungsthema fest verankert und wird in diesem historischen Kontext in den Schulen auch intensiv bearbeitet. Dabei wird die Vermittlung des Holocaust häufig auch sehr vorbildlich ergänzt durch Exkursionen zu Gedenkstätten oder Begegnungen mit Zeitzeugen. Der Blick auf die Erscheinungsformen von Antisemitismus in unserer Gegenwart ist hingegen weniger ausgeprägt im schulischen Lehrplan, obwohl sie im schulischen Alltag durchaus erscheinen und die Lehrkräfte herausfordern können. Gerade der Nahostkonflikt bietet immer wieder Nährboden für antisemitische Äußerungen und Haltungen bei jungen Menschen, aber auch in der Gesellschaft insgesamt. Sie sind vielfach verborgen in israelkritischen Aussagen, aus denen teilweise schwer zu erkennen ist, ob es sich um eine Kritik an der Regierungspolitik des Staates Israel in Siedlungsfragen oder gegenüber den Palästinensern handelt oder ob tatsächlich antisemitischen Tendenzen dabei zugrunde liegen.

Dass es sinnvoll und notwendig ist, den Nahostkonflikt in der Schule in dieser Weise in den Blick nehmen zu können, wissen die Mitarbeiter*innen von KIgA e.V., der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus seit vielen Jahren aus ihrer Praxis an Berliner Schulen. Sie schulen Lehrkräfte, um dieses hochkomplexe und häufig hochemotionale Thema didaktisch kompetent mit den Schüler*innen bearbeiten zu können, gerade auch mit Blick auf die unterschiedlichen Interessen und Betroffenheit, die im Klassenzimmer dabei wirksam sein können. Ein solches Angebot wurde jetzt erstmalig über das Bundesmodelprojekt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ des Vereins Miteinander leben e.V., das vom Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend den Auftrag hat, Konzepte zur Bearbeitung aktueller Erscheinungsformen des Antisemitismus für Schulen zu entwickeln, in der Region angeboten und an der Gemeinschaftsschule Mölln mit Unterstützung des Schulamtes des Kreis Herzogtum Lauenburg umgesetzt.

Mirko Niehoff von KIgA e.V., der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (re.) schult Lehrer*innen der Gemeinschaftsschule Mölln, des Astrid-Lindgren Förderzentrums und des Berufsbildungszentrums

Mirko Niehoff von KIgA e.V., der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (re.) schult Lehrer*innen der Gemeinschaftsschule Mölln, des Astrid-Lindgren Förderzentrums und des Berufsbildungszentrums

In einer zweitägigen Fortbildung wurden Lehrkräfte der Gemeinschafts­schule Mölln, des Astrid-Lindgren Förderzentrums und des Möllner Berufsbildungszentrums für die Notwendigkeit sensibilisiert, den Nahostkonflikt als Nährboden für Antisemitismus wahrzunehmen und im Unterricht methodisch zu bearbeiten. „Antisemitismus“, so Mirko Niehoff, Fortbildungsleiter von KIgA e.V.,„äußert sich gegenwärtig häufig im Kontext des Nahostkonfliktes. Eine grundsätzliche Herausforderung besteht zunächst darin, dass die Wahrnehmungen und Positionierungen zum Konflikt nicht selten unangemessen verkürzend und einseitig sind. An sehr israelkritische Perspektiven ist dann auch Antisemitismus leicht anschlussfähig. Von einem israelbezogenen Antisemitismus können wir sprechen, wenn Israel delegitimiert oder dämonisiert wird – z.B. durch Vergleiche mit dem Nationalsozialismus – und vor allem auch dann, wenn Juden und Jüdinnen weltweit für den Konflikt in Verantwortung gezogen und abgelehnt oder sogar angegriffen werden. Die Motive sind dabei unterschiedlich: sie reichen von politischen und ideologischen Grundüberzeugungen, emotionalen Solidarisierungen, sozialen Erfahrungen sowie kollektiven und nationalen Befindlichkeiten im Kontext von Geschichte und Gegenwart. Auch darüber müssen wir im Kontext politischer Bildung sprechen und reflektieren.“

Die Fortbildung fokussierte stark auf Methoden, wie über den Nahostkonflikt kompetent im Unterricht gesprochen werden kann, und profitierte vom langjährigen Erfahrungsschatz von KIgA e.V..

„ Es war eine Pilotveranstaltung für unsere Region, bei der sich allerdings auch zeigte, dass die Bedeutung des Themas „Aktuelle Formen des Antisemitismus“ für Schulen hier noch nicht so weit verbreitet ist, wie es wünschenswert wäre“, sagte Mark Sauer, Vorsitzender des Vereins Miteinander leben e.V. und zeigte sich von der Offenheit der teilnehmenden Lehrkräfte vor Ort sehr beeindruckt. Allerdings kam ein weiteres Fortbildungsangebot von KIgA e.V. in Lübeck aufgrund fehlender Anmeldezahlen nicht zustande. „Für mich ein Indiz, dass wir für die aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus in den Schulen noch stärker sensibilisieren müssen, gerade auch mit dem Blick auf sich verändernde Zusammensetzungen in unseren Klassen. Für die Unterstützung durch einen erfahrenen Partner wie KIgA e.V. bin ich dabei sehr dankbar“, so Mark Sauer.

Bildungsträger KIgA e.V. - Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus Der Bildungsträger KIgA e.V. Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus - entwickelt innovative Konzepte für die pädagogische Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft. Seit 2003 erarbeitet er modellhafte und lebensweltlich orientierte pädagogische Ansätze und Materialien für die politische Bildung und setzt sie in die Praxis um. Bundesweit unterstützt KIgA e.V. mit seinen Kompetenzen und langjährigen Erfahrungen Interessierte aus Bildung und Zivilgesellschaft, qualifiziert Multiplikatoren/-innen, gestaltet wissenschaftliche Diskurse aktiv mit und bietet Expertisen und Beratung für den Bildungsbereich, für Politik und Gesellschaft.

www.kiga-berlin.org


Übergreifendes Jahresthema
"Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft"

Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft begegnen

Verein Miteinander leben e.V. entwickelt Konzepte mit regionaler und überregionaler Fachexpertise

Der Verein Miteinander leben e.V. sucht im Rahmen seines Bundesmodellprojektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ nach Wegen, das verbreitete Phänomen von Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft zu thematisieren, für die verschiedenen Erscheinungsformen zu sensibilisieren und öffentlichkeitswirksame Formen einer aktiven Auseinandersetzung mit diesem Thema zu befördern. „Antisemitismus kommt in der öffentlichen Wahrnehmung vieler Menschen nur sehr bedingt vor. Während man mit Rechtsextremismus in der Zwischenzeit eine klare gesellschaftliche Bedrohungslage verbindet, dessen Erscheinungsformen  weitgehend einordnen kann und den gesellschaftliche Diskurs darüber sowie staatliches und zivilgesellschaftliches Handeln dagegen als wichtig anerkennt, ist Antisemitismus, trotz gut dokumentierter Vorfalllage kaum Teil des gesellschaftliche Problembewusstseins oder Handelns“, begründet Mark Sauer, Vorsitzender des Vereins, die Motivation des Projektes.

Zusammen mit Fachleuten aus der Region, Vertreter*innen der jüdischen Gemeinden, aber auch überregional tätigen Organisationen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung, werden mögliche Methoden der Vermittlung erörtert und ihm Versuchsraum einer Werkstatt ausprobiert, um Erfahrungen zu sammeln, wie das Thema Antisemitismus in der Öffentlichkeit an Stellenwert gewinnen kann. Ein durchaus schwieriger Ansatz, da die Widerstände, sich mit dem Thema zu befassen, bei vielen Menschen, auch aus eigener Befangenheit, durchaus groß sind. Zudem wirken vielfach Mechanismen, die das Phänomen von Antisemitismus zwar grundsätzlich anerkennen, es aber nicht als gesamtgesellschaftliches Problem werten, sondern nur einer bestimmten Gruppe zuschreiben, beispielsweise Migrant*innen aus dem Nahost-Raum.

Konkret befasst sich im Rahmen des Projektes eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe mit diesen Fragen und nutzt dabei auch Möglichkeiten eines bundesweiten Austauschs, wie jüngst auf der Studientagung zum Thema Antisemitismus des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, zu der Solveig Steinkamp als Vertreterin des Projektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ reiste. Anlass war die Vorlage des Berichts des 2. Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus (UEA) durch die Bundesregierung im April 2017, nachdem der erste Bericht 2012 deutlich gemacht hatte, wie breit Antisemitismus nach wie vor in der deutschen Gesellschaft verankert ist. Der dort formulierte Maßnahmenkatalog hatte allerdings nur spärlich Eingang in den öffentlichen Diskurs gefunden und auch die Handlungsempfehlungen wurden bislang kaum umgesetzt


Solveig Steinkamp (Mitte) vertrat das Projekt „ZUGÄNGE SCHAFFEN&ldquo auf der Studientagung zum Thema Antisemitismus des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

Im Rahmen der Tagung wurden die aktuellen Forschungsergebnisse und Erhebungen vorgestellt und diskutiert. Einen Gesamtüberblick über die thematischen Ansätze der Explorationen und ihrer Ergebnisse vermittelte dabei Prof. Dr. Werner Bergmann vom Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin. Er konstatierte, dass zunehmend andere Themen als die Shoa auf der politischen Agenda der Parteien stünden, so seit 2002/2003 vor allem der Nahostkonflikt. Ebenso werde die Hasskriminalität im Internet als bedrohlich wahrgenommen, wobei Antisemitismus dabei nicht unbedingt im Vordergrund der menschenfeindlichen Äußerungen stünde, aber immer dort ende. Salafisten, Reichsbürger und andere Akteure rechtspopulistischer Bewegungen seien dort aktiv, der Antisemitismus sei aber in der Mitte der Gesellschaft präsent und die Prävention müsse, so Prof. Dr. Werner Bergmann, auch zuerst dort und nicht im rechten politischen Spektrum ansetzen.

Prof. Dr. Werner Bergmann vom Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin

Prof. Dr. Werner Bergmann vom Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin stellt aktuelle Forschungsergebnisse vor

Dabei dürfe aber nicht ausgeklammert werden, dass auch Muslime zunehmend als Trägergruppe hinzugekommen sind, auch, aber nicht ausschließlich im Kontext der Flüchtlingsproblematik. Die größten Unterschiede innerhalb der muslimischen Bevölkerung seien in der 3. Generation auszumachen, die sich nach den Integrationsbemühungen ihrer Vorfahren wieder ihren Wurzeln zuwende und damit auch anfällig für Propaganda aus den Herkunftsländern sei. Die Imame stünden oftmals unter erheblicher Spannung, zu beobachten sei hier auch eine Opferumkehr in dem Sinne, dass eine Bevorzugung von Juden gegenüber Muslimen angenommen werde, was weitere Ressentiments nach sich ziehe.

Für das Projekt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ konnte Solveig Steinkamp wichtige Impulse aus der Studientagung mitnehmen, vor allem aber die Erkenntnis, dass „der Bereich Prävention durch Bildung breiter verstanden werden und mit Intervention zusammen gedacht werden muss.“ Im Rahmen der Arbeitsgruppe fließen diese Ergebnisse in die konkrete Planung und Entwicklung von öffentlichen Angeboten zur Phänomenvermittlung Antisemitismus, die im Rahmen der Projektwerkstatt ausprobiert und im Hinblick auf Wirksamkeit, Reichweite und Nachhaltigkeit evaluiert werden sollen. „Ich würde mir wünschen, dass wir Antisemitismus im gesellschaftlichen Bewusstsein so vermitteln könnten, dass es nicht nur als historisches Ereignis gesehen wird, sondern als aktuelles Problem gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, das auf der gleichen Stufe wie Rechtsextremismus oder religiös motivierten Extremismus steht. Das ist aber ein langer Weg“, so Mark Sauer als Verantwortlicher des Projektes, das vom  Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird.


Werkstattthema
"Antisemitismus im Kontext von Migration"

"Antimuslimischer Rassismus als Nährboden für antisemitische Einstellungen"

Antisemitismuskritische Fortbildung für Sozialpädagog*innen im Jugendbereich und Schulsozialarbeit"

16.06.2017, 10:00 – 16:00 Uhr
Jugendzentrum Alter Bahnhof Geesthacht, Bahnstraße 45

Antisemitismuskritische Fortbildung für Lehrkräfte

15.06.2017, 15:00 – 19:00 Uhr
Berufsbildungszentrum Mölln, Kerschensteiner Str. 2

Der Verein Miteinander leben e.V.arbeitet im Rahmen des Bundesmodellprojektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ an der Vermittlung von Unterrichtskonzepten zum Themenfeld "Historischer und aktueller Antisemitismus". In diesem Jahr liegt das Interesse dabei auf dem Phänomen des „Antisemitismus im Kontext von Migration“, das gerade auch im Zuge der verstärkten Zuwanderung aus dem Konfliktraum Nahost thematisiert wird. Laut Astrid Messerschmidt ist dabei zu beachten, dass eine antisemitismuskritische Bildungsarbeit über die Bearbeitung des Antisemitismus hinaus auch Themen wie Religion, Werte und Rassismus in der Gesellschaft behandeln muss, insbesondere auch die Phänomene des „Alltagsrassismus“ und des „Antimuslimischen Rassismus“, um tiefgreifendes Verständnis für bestehende Abwertungsmechanismen auch bei muslimischen Zuwanderern sowie daraus resultierend lebensweltliche Ansatzpunkte für diese Bildungsarbeit zu finden. Zusammen mit Ufuq.de Berlin sollen genau zu diesen Aspekten Handlungsoptionen für die sozialpädagogische Jugendarbeit vermittelt werden.

Welche Bilder über ‚den Islam‘ und ‚die Muslime‘ gibt es, wie funktioniert ‚Religiöses Othering‘, wie weit sind Rassismen verbreitet, welche Vorurteile habe ich selber? Darüber hinaus soll das Verhältnis zwischen individuellem und strukturellem Rassismus thematisiert werden. Abschließend werden gemeinsam Schritte und Handlungsmöglichkeiten für die pädagogische Praxis erörtert. Die Fortbildung ist kostenfrei. Anmeldungen unter 04541-206726 oder miteinander.leben@t-online.de.

Ufuq.de ist ein anerkannter Träger der freien Jugendhilfe und in der politischen Bildung und Prävention zu den Themen Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus aktiv. Mit seinen Angeboten hat Ufuq.de sich bundesweit als Ansprechpartner für Pädagog_innen, Lehrkräfte und Mitarbeiter_innen von Behörden etabliert.

www.ufuq.de


"Begriffsgrundlagen, Handlungsanregungen und Methoden am Beispiel des Nahostkonfliktes"

Antisemitismuskritische Fortbildung für Lehrkräfte

12.06. – 13.06.2017, 15:00 – 19:00 Uhr
Gemeinschaftsschule Mölln, Auf dem Schulberg

14.06. - 15.06.2017, 15:00 - 19:00 Uhr
Hanse-Schule für Wirtschaft und Verwaltung, Lübeck

Antisemitische Denk- und Deutungsmuster sind in allen Teilen der deutschen Gesellschaft anzutreffen. Die Motive und Erscheinungsformen sind derweil vielfältig. Häufig spielt die NS-Vergangenheit eine Rolle, die als moralische Last empfunden wird.

Zudem treten antisemitische Einstellungen immer häufiger unter Bezugnahme auf den Nahostkonflikt und den Staat Israel auf. Über seine grundlegende weltpolitische und lebensweltliche Bedeutsamkeit hinaus scheint dieser Konflikt eine zentrale Projektionsfläche und/oder Ursache antisemitischer Deutungsmuster, Positionierungen und Handlungen zu sein. Im Rahmen des Projektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ lädt der Verein Miteinander leben e.V. zusammen mit KIgA e.V. zu einer Fortbildung, um genau zu diesen Aspekten Handlungsoptionen für den schulischen Alltag zu vermitteln.

Am ersten Tag der Fortbildung werden zentrale Begriffe und Informationen sowie praxisorientierte Herausforderungen und erste Handlungsanregungen einer antisemitismuskritischen politischen Bildung – mit Fokus auf den Nahostkonflikt – erarbeitet und diskutiert. Am zweiten Tag steht die Vermittlung konkreter und bewährter Methoden im Sinne einer antisemitismuskritischen politischen Bildung zum Nahostkonflikt im Fokus. Die Fortbildung ist kostenfrei. Anmeldungen unter 04541-206726 oder miteinander.leben@t-online.de.

Bildungsträger KIgA e.V. - Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus

Der Bildungsträger KIgA e.V. - Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus - entwickelt innovative Konzepte für die pädagogische Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft. Seit 2003 erarbeitet er modellhafte und lebensweltlich orientierte pädagogische Ansätze und Materialien für die politische Bildung und setzt sie in die Praxis um. Bundesweit unterstützt KIgA e.V. mit seinen Kompetenzen und langjährigen Erfahrungen Interessierte aus Bildung und Zivilgesellschaft, qualifiziert Multiplikatoren/-innen, gestaltet wissenschaftliche Diskurse aktiv mit und bietet Expertisen und Beratung für den Bildungsbereich, für Politik und Gesellschaft.

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Shoah-Überlebenderbewegte Auszubildende der Polizeischule Eutin zutiefst

Ein wichtiger Baustein in der Arbeit gegen Antisemitismus ist die Begegnung mit Zeitzeugen des Holocaust, ein Zugang, den das Vorgängerprojekt "OPEN MIND - Leben mit dem gelben Stern" in der Region seit vielen Jahren praktiziert. Über ihren Verein Yad Ruth e.V. hat Projektleiterin Gabriele Hannemann vielfältige Kontakte zu Überlebenden der Shoah in Israel und Osteuropa und kann mehrmals im Jahr Zeitzeugen an Schulen in der Region vermitteln.

Ende Januar war erneut Tswi Joseef Herschel aus Israel zusammen mit seiner Tochter vor Ort und absolvierte zahlreiche Gespräche mit Schüler*innen. Im Mittelpunkt stand dabei zum einen seine eigene Lebensgeschichte, die untrennbar mit dem Holocaust verknüpft ist, aber auch seine zentrale Botschaft, die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Gesellschaft fortlaufend und mit Enagement zu führen.

Ein Besuch führte ihn dabei zu einem auch für das Projekt ZUGÄNGE SCHAFFEN sehr bedeutsamen Lernort, der Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung und für die Bereitschaftspolizier Schleswig-Holstein (PDAFB) in Eutin.

Betroffen, berührt, nachdenklich,schreibt Annette Granzin von der (PDAFB), so reagierten die rund 150 Polizeiobermeisteranwärter und –anwärterinnen auf den Vortrag Tswi Herschels aus Israel. Initiiert hatte Gabriele Hannemann den beeindruckenden Besuch des Shoah-Überlebenden Herschel im Rahmen des Unterrichts im Fach Politische Bildung.

Zunächst stellte Herr Herschel seine persönliche Geschichte dar, indem er die Stationen seines Lebens anhand eines „Lebenskalenders“ schilderte, als Vision aufgezeichnet von seinem Vater Nico Herschel.


Zswi Herschel während seines beeindruckenden Vortrags; Ausschnitte aus Präsentation; Der Leiter der PDAFB, LPD Michael Wilksen, begrüßt Zswi Herschel.

Herschel kam am 29. Dezember 1942 während des Zweiten Weltkrieges in den Niederlanden zur Welt. Als die jüdische Familie 1943 ins Amsterdamer Getto ziehen musste, vertraute das Ehepaar Herschel seinen Sohn einer protestantischen Familie an, die ihn bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges behütete. Tswis Eltern wurden in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort ermordet.

Im Juni 1945 nahm Tswis Großmutter väterlicherseits den Enkel zu sich. Nur durch Zufall erfuhr er, dass und wie seine leiblichen Eltern ums Leben gekommen waren. 1964 zog Tswi nach Amsterdam und heiratete im Jahr 1965. Mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern wanderte er 1986 nach Israel aus. Seit Jahren engagiert sich Tswi Herschel in Aufklärungs- und Erziehungsarbeit zum Thema Shoah und erzählt seine Geschichte in Israel und Europa für Jugendliche und Erwachsene.

Im zweiten Teil der Veranstaltung trat die jüngere Tochter Natali ans Mikrofon und sprach von den Auswirkungen der Vergangenheit ihres Vaters auf ihr Leben. Sie schilderte sehr eindrücklich, dass durch jede Art von Völkermord Familien zerstört würden.

Anschließend hielt Herr Herschel einen Vortrag über die „Versteckten Kinder“ und legte dar, unter welchen Traumata die während der Zeit des Nationalsozialismus versteckten Kinder noch heute leiden.

Herschel stellte besonders heraus, dass es ihm eine Freude sei, vor angehenden Polizisten der „neuen Generation“ zu sprechen. Er möchte Brücken bauen und die Erinnerung lebendig halten. Antisemitismus und Diskriminierung müsse aufhören: „JETZT!“

Der Leiter der PDAFB, LPD Michael Wilksen, bedankte sich im Namen der Behörde bei den Besuchern und sprach von einer großen Ehre, Zswi Joseef Herschel in der PDAFB begrüßen zu dürfen. Zusätzlich betonte er die immense Wichtigkeit dieses Nachmittags für die Anwärterinnen und Anwärter im Hinblick auf ihren zukünftigen Beruf und im Bewusstsein der deutschen Vergangenheit, auch gerade der Vergangenheit der Polizei.


Übergreifendes Jahresthema
"Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft"

Expertengespräch - Fortsetzung
"Antisemitismus ... ein Schwer vermittelbares Phänomen"

am 02.02.2017, 18:00 Uhr
Internationale Begegnungsstätte „Lohgerberei“
Bahide-Arslan-Gang, 23879 Mölln

Das Projekt "ZUGÄNGE SCHAFFEN" verfolgt neben seiner schulischen Ausrichtung auch das Ziel, zusammen mit den jüdischen Gemeinden der Region zeitgemäße Konzepte zu entwickeln, um für aktuelle antisemitische Tendenzen in der Mitte der Gesellschaft zu sensibilisieren und das Phänomen in den Kontext eines öffentlichen Diskurses zu stellen. Hierbei geht der Projektträger von der Prämisse aus, dass die Beschäftigung mit den Thema „Antisemitismus“ überwiegend nur in kleineren Zirkeln interessierter Bürger*innen erfolgt, ein Problembewusstsein in der Breite der Gesellschaft allerdings nur wenig anzutreffen ist, ebenso wie die Kenntnis über jüdisches Leben in der Region. Da es, wie es sich am Thema „Rechtsextremismus“ nachvollziehen lässt, durchaus möglich ist, die Gesellschaft in größerem Umfang für Problemlagen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu sensibilisieren, stellt sich, hier die Frage, warum dies zum Thema „Antisemitismus“ nur wenig gelingt. Liegt es an der im Vergleich zu rechtsextremen Taten geringen medialen Wahrnehmung von antisemitischen Vorfällen, an der geringen medialen Wahrnehmung von jüdischem Leben in der Region, am allgemeinen Desinteresse gegenüber jüdischem Leben, an einer perspektivischen Verzerrung, unter der jüdisches Leben immer noch im historischen Kontext des Holocaust wahrgenommen und die Gegenwart dabei ausgeblendet wird? Oder liegt es daran, dass in der Mitte der Gesellschaft wenig deutlich ist, was unter Antisemitismus zu fassen ist, in welchen Facetten sich dieser äußert und wie die Äußerungen in den jüdischen Gemeinden wahrgenommen werden? Ist es also eine Frage von medialer Darstellung, von pädagogischer Sensibilisierung oder richtiger Wahl der Veranstaltungsformaten, über die hier diskutiert werden sollte, um das Phänomen des Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft sichtbarer, begreifbarer und auch als Problem, das gesamtgesellschaftliches Handeln erfordert, erkennbarer werden zu lassen?

Diesen Fragen wurden im Rahmen eines ersten Expertengespräches am 13.10.2016 in Räumen des Arbeitskreises Kinder- und Jugendschutz (AKJS) Kiel erörtert und am 02.02.2017 in der Internationalen Begegnungsstätte „Lohgerberei“ in Mölln fortgeführt.

Teilnehmerkreis:

  • Jan Riebe von der Amadeo-Antonio-Stiftung
  • Rabbiner Dr. Yakov Yosef Harety
  • Solveig Steinkamp, Mitglied der jüdischen Gemeinde Bad Segeberg,
  • Sieghard Bußenius, Verein Miteinander leben e.V. und Mitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit
  • Gabriele Hannemann, Projektleiterin ZUGÄNGE SCHAFFEN und Vorsitzende des Vereins Yad Ruth e.V.
  • Mark Sauer, Vorsitzender des Verein Miteinander leben e.V. und Projektkoordinator ZUGÄNGE SCHAFFEN

Protokoll des Expertengesprächs

Jahresthema 2017
"Antisemitismus in Kontext von Migration"

"Antisemitismus in all seinen
aktuellen Erscheinungsformen bearbeiten"

Projekt "ZUGÄNGE SCHAFFEN" des Vereins Miteinander leben e.V. transferriert bundesweites Fachwissen für Schulen und Jugendeinrichtungen in Schleswig-Holstein

Mit einem Fachgespräch hat der Verein Miteinander leben e.V. das zweite Jahr der Konzeptwerkstatt "Antisemitismus" im Rahmen des Bundes­modell­projektes "ZUGÄNGE SCHAFFEN" gestartet, die zusammen mit Partner­schulen in der Region neue Unterrichtskonzepte zum Themenfeld "Historischer und aktueller Antisemitismus" vermittelt und in der Unterrichtspraxis ausprobiert. Während im vergangenen Jahr geeignete Lehrwerke der "Holocaust-Education" für die 4. Klassenstufe im Grundschul­bereich im Fokus der Werkstattarbeit standen, liegt das Interesse in diesem Jahr auf dem Phänomen des aktuellen Antisemitismus, insbesondere im Kontext von Migration. Entsprechend trafen sich zu Jahresbeginn Expert*innen verschiedener, überregionaler Bildungseinrichtungen in Mölln, um über ihre Projekterfahrungen in der Bearbeitung von antisemitischen Einstellungen bei jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu referieren. Dabei wurde einmal mehr deutlich, wie facettenreich Antisemitismus in der Gesellschaft auftritt. In seiner primären Form, die sich deutlicher bei Zuwanderern aus dem Nahen Osten wahrnehmen lässt, richten sich die abwertenden und ausgrenzenden Einstellungen direkt gegen jüdisches Leben, oft verbunden mit dem Kontext des Nahost-Konfliktes, der eigenen Opferrolle in diesem Konflikt und einer Kritik am Staat Israel, die auch in Medien aus den jeweiligen Heimatländern stetig kolportiert wird. Sie unterscheidet sich in dieser Verbindung allerdings deutlich von den Formen des primären Antisemitismus, wie sie zu Zeit des Dritten Reiches in Deutschland und ganz Europa verbreitet war und im Rechtsextremismus oder auch in der "Reichsbürger-Szene" heute noch verbreitet ist. Und sie unterscheidet sich ebenso von dem in Deutschland selbst noch weit verbreiteten sekundären Antisemitismus, der sich weniger gegen jüdisches Leben vor Ort richtet, als vielmehr das Gedenken an den Holocaust und die Verbrechen der Nationalsozialisten beenden sowie die geschichtliche Verantwortung relativieren will.

Auftakt

Expert*innen beraten die Konzeptwerkstatt "Antisemitismus" des Vereins Miteinander leben e.V. zum Jahresthema "Antisemitismus im Kontext von Migration"

(vl.) Jan Riebe, Amadeo-Antonio-Stiftung, Dr. Yaşar Aydin, Türkische Gemeinde Hamburg und Ungebung e.V., Mirjam Gläser, Ufuq e.V., Gabriele Hannemann, Projektleiterin der Konzeptwerkstatt, Katrin Thomas, Schulrätin des Kreises Herzogtum Lauenburg

In der Expertendiskussion stellten Vertreter*innen der Amadeo-Antonio-Stiftung Berlin, von Ufuq e.V. Berlin sowie der Türkischen Gemeinde Hamburg und Umgebung e.V. ihre Projektarbeit vor, die sich vielfach im schulischen Rahmen aber auch in der offenen Jugendarbeit abspielt, und konnten so der Konzeptwerkstatt wichtige Bausteine für geeignete Lehrkonzepte vermitteln. Projektleiterin Gabriele Hannemann, die seit vielen Jahren in den Schulen der Region zum Thema "Antisemitismus" und "Holocaust-Education" arbeitet und Lehrkräfte in Schleswig-Holstein hierbei berät, sowie Schulrätin Katrin Thomas konnten dabei viele Einblicke gewinnen, gerade auch wie die Bearbeitung von antisemitischen Einstellungen im Kontext des Nahost-Konfliktes bei jungen Menschen im Unterricht gelingen kann. Ganz wichtig, so eine Erkenntnis, ist dabei auch, das Themenfeld "antimuslimischer Rassismus" im Blick zu behalten. Antisemitische Äußerungen und Einstellungen sind gerade bei jungen muslimischen Menschen häufig eine Projektion eigener Ausgrenzungs­erfahrungen, die es ebenfalls wahrzunehmen und anzuerkennen gilt, damit ihnen wirksam im Unterricht begegnet werden kann.

Im Jahresverlauf wird die Konzeptwerkstatt "Antisemitismus" des Vereins Miteinander leben e.V. weiteres Fachwissen sammeln, beispielsweise mit Unterstützung der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus KiGA e.V Berlin, bei PROvention, dem Landesprogramm gegen religiös begründeten Extremismus in Schleswig-Holstein oder beim Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg (LI). Ziel ist es, dieses Fachwissen für Lehrkräfte in Schleswig-Holstein aufzubereiten und Unterrichtseinheiten zu entwickeln, die in Partnerschulen vermittelt und getestet werden soll, bevor sie dem Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) zur Verfügung gestellt werden. Geplant ist dabei auch eine gemeinsame Fortbildungsoffensive für Lehrkräfte und Sozialpädagogen zum Themenkomplex "Antisemitismus im Kontext von Migration" mit Unterstützung aller der genannten Kooperationspartner des Vereins Miteinander leben e.V.

"Die Konzeptwerkstatt "Antisemitismus" des Vereins Miteinander leben e.V. ist als einziges Bundesmodellprojekt Schleswig-Holsteins im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" ist ein besonderer Türöffner für einen Wissenstransfer in die Schulen des nördlichen Bundesland und lässt Schleswig-Holstein von zahlreichen Best-Practice-Erfahrungen im Bundesgebiet profitieren", beschrieb Mark Sauer, Vorsitzender des Vereins Miteinander leben e.V. die Bedeutung des Projektes.