Berichte

Werkstattthema
"Antisemitismus im Kontext von Migration"

Berliner Experten schulen Möllner Lehrkräfte zu aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus

Antisemitismus ist mit Blick auf die deutsche Geschichte im schulischen Lehrplan als Bildungsthema fest verankert und wird in diesem historischen Kontext in den Schulen auch intensiv bearbeitet. Dabei wird die Vermittlung des Holocaust häufig auch sehr vorbildlich ergänzt durch Exkursionen zu Gedenkstätten oder Begegnungen mit Zeitzeugen. Der Blick auf die Erscheinungsformen von Antisemitismus in unserer Gegenwart ist hingegen weniger ausgeprägt im schulischen Lehrplan, obwohl sie im schulischen Alltag durchaus erscheinen und die Lehrkräfte herausfordern können. Gerade der Nahostkonflikt bietet immer wieder Nährboden für antisemitische Äußerungen und Haltungen bei jungen Menschen, aber auch in der Gesellschaft insgesamt. Sie sind vielfach verborgen in israelkritischen Aussagen, aus denen teilweise schwer zu erkennen ist, ob es sich um eine Kritik an der Regierungspolitik des Staates Israel in Siedlungsfragen oder gegenüber den Palästinensern handelt oder ob tatsächlich antisemitischen Tendenzen dabei zugrunde liegen.

Dass es sinnvoll und notwendig ist, den Nahostkonflikt in der Schule in dieser Weise in den Blick nehmen zu können, wissen die Mitarbeiter*innen von KIgA e.V., der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, seit vielen Jahren aus ihrer Praxis an Berliner Schulen. Sie schulen Lehrkräfte, um dieses hochkomplexe und häufig hochemotionale Thema didaktisch kompetent mit den Schüler*innen bearbeiten zu können, gerade auch mit Blick auf die unterschiedlichen Interessen und Betroffenheit, die im Klassenzimmer dabei wirksam sein können. Ein solches Angebot wurde jetzt erstmalig über das Bundesmodelprojekt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ des Vereins Miteinander leben e.V., das vom Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend den Auftrag hat, Konzepte zur Bearbeitung aktueller Erscheinungsformen des Antisemitismus für Schulen zu entwickeln, in der Region angeboten und an der Gemeinschaftsschule Mölln mit Unterstützung des Schulamtes des Kreis Herzogtum Lauenburg umgesetzt.

Mirko Niehoff von KIgA e.V., der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (re.) schult Lehrer*innen der Gemeinschaftsschule Mölln, des Astrid-Lindgren Förderzentrums und des Berufsbildungszentrums
Mirko Niehoff von
KIgA e.V., der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (re.) schult Lehrer*innen der Gemeinschaftsschule Mölln, des Astrid-Lindgren Förderzentrums und des Berufsbildungszentrums

In einer zweitägigen Fortbildung wurden Lehrkräfte der Gemeinschaftsschule Mölln, des Astrid-Lindgren  Förderzentrums und des Möllner Berufsbildungszentrums für die Notwendigkeit sensibilisiert, den Nahostkonflikt als Nährboden für Antisemitismus wahrzunehmen und im Unterricht methodisch zu bearbeiten. „Antisemitismus“, so Mirko Niehoff, Fortbildungsleiter von KIgA e.V.,„äußert sich gegenwärtig häufig im Kontext des Nahostkonfliktes. Eine grundsätzliche Herausforderung besteht zunächst darin, dass die Wahrnehmungen und Positionierungen zum Konflikt nicht selten unangemessen verkürzend und einseitig sind. An sehr israelkritische Perspektiven ist dann auch Antisemitismus leicht anschlussfähig. Von einem israelbezogenen Antisemitismus können wir sprechen, wenn Israel delegitimiert oder dämonisiert wird – z.B. durch Vergleiche mit dem Nationalsozialismus – und vor allem auch dann, wenn Juden und Jüdinnen weltweit für den Konflikt in Verantwortung gezogen und abgelehnt oder sogar angegriffen werden. Die Motive sind dabei unterschiedlich: sie reichen von politischen und ideologischen Grundüberzeugungen, emotionalen Solidarisierungen, sozialen Erfahrungen sowie kollektiven und nationalen Befindlichkeiten im Kontext von Geschichte und Gegenwart. Auch darüber müssen wir im Kontext politischer Bildung sprechen und reflektieren.“

Die Fortbildung fokussierte stark auf Methoden, wie über den Nahostkonflikt kompetent im Unterricht gesprochen werden kann, und profitierte vom langjährigen Erfahrungsschatz von KIgA e.V..

Es war eine Pilotveranstaltung für unsere Region, bei der sich allerdings auch zeigte, dass die Bedeutung des Themas „Aktuelle Formen des Antisemitismus“ für Schulen hier noch nicht so weit verbreitet ist, wie es wünschenswert wäre“, sagte Mark Sauer, Vorsitzender des Vereins Miteinander leben e.V. und zeigte sich von der Offenheit der teilnehmenden Lehrkräfte vor Ort sehr beeindruckt. Allerdings kam ein weiteres Fortbildungsangebot von KIgA e.V. in Lübeck aufgrund fehlender Anmeldezahlen nicht zustande. „Für mich ein Indiz, dass wir für die aktuellen Erscheinungsformen des Antisemitismus in den Schulen noch stärker sensibilisieren müssen, gerade auch mit dem Blick auf sich verändernde Zusammensetzungen in unseren Klassen. Für die Unterstützung durch einen erfahrenen Partner wie KIgA e.V. bin ich dabei sehr dankbar“, so Mark Sauer.

Bildungsträger KIgA e.V. - Kreuzberger Initiative gegen AntisemitismusDer Bildungsträger KIgA e.V. - Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus - entwickelt innovative Konzepte für die pädagogische Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft. Seit 2003 erarbeitet er modellhafte und lebensweltlich orientierte pädagogische Ansätze und Materialien für die politische Bildung und setzt sie in die Praxis um. Bundesweit unterstützt KIgA e.V. mit seinen Kompetenzen und langjährigen Erfahrungen Interessierte aus Bildung und Zivilgesellschaft, qualifiziert Multiplikatoren/-innen, gestaltet wissenschaftliche Diskurse aktiv mit und bietet Expertisen und Beratung für den Bildungsbereich, für Politik und Gesellschaft.

www.kiga-berlin.org


Übergreifendes Jahresthema
"Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft"


Antisemitismus in der Mitte der
Gesellschaft begegnen

Verein Miteinander leben e.V. entwickelt Konzepte mit regionaler und überregionaler Fachexpertise

Der Verein Miteinander leben e.V. sucht im Rahmen seines Bundesmodellprojektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ nach Wegen, das verbreitete Phänomen von Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft zu thematisieren, für die verschiedenen Erscheinungsformen zu sensibilisieren und öffentlichkeitswirksame Formen einer aktiven Auseinandersetzung mit diesem Thema zu befördern. „Antisemitismus kommt in der öffentlichen Wahrnehmung vieler Menschen nur sehr bedingt vor. Während man mit Rechtsextremismus in der Zwischenzeit eine klare gesellschaftliche Bedrohungslage verbindet, dessen Erscheinungsformen  weitgehend einordnen kann und den gesellschaftliche Diskurs darüber sowie staatliches und zivilgesellschaftliches Handeln dagegen als wichtig anerkennt, ist Antisemitismus, trotz gut dokumentierter Vorfalllage kaum Teil des gesellschaftliche Problembewusstseins oder Handelns“, begründet Mark Sauer, Vorsitzender des Vereins, die Motivation des Projektes. 

Zusammen mit Fachleuten aus der Region, Vertreter*innen der jüdischen Gemeinden, aber auch überregional tätigen Organisationen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung, werden mögliche Methoden der Vermittlung erörtert und ihm Versuchsraum einer Werkstatt ausprobiert, um Erfahrungen zu sammeln, wie das Thema Antisemitismus in der Öffentlichkeit an Stellenwert gewinnen kann. Ein durchaus schwieriger Ansatz, da die Widerstände, sich mit dem Thema zu befassen, bei vielen Menschen, auch aus eigener Befangenheit, durchaus groß sind. Zudem wirken vielfach Mechanismen, die das Phänomen von Antisemitismus zwar grundsätzlich anerkennen, es aber nicht als gesamtgesellschaftliches Problem werten, sondern nur einer bestimmten Gruppe zuschreiben, beispielsweise Migrant*innen aus dem Nahost-Raum.

Konkret befasst sich im Rahmen des Projektes eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe mit diesen Fragen und nutzt dabei auch Möglichkeiten eines bundesweiten Austauschs, wie jüngst auf der Studientagung zum Thema Antisemitismus des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, zu der Solveig Steinkamp als Vertreterin des Projektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ reiste. Anlass war die Vorlage des Berichts des 2. Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus (UEA) durch die Bundesregierung im April 2017, nachdem der erste Bericht 2012 deutlich gemacht hatte, wie breit Antisemitismus nach wie vor in der deutschen Gesellschaft verankert ist. Der dort formulierte Maßnahmenkatalog hatte allerdings nur spärlich Eingang in den öffentlichen Diskurs gefunden und auch die Handlungsempfehlungen wurden bislang kaum umgesetzt.

 

Solveig Steinkamp (Mitte) vertrat das Projekt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ auf der Studientagung zum Thema Antisemitismus des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit


Im Rahmen der Tagung wurden die aktuellen Forschungsergebnisse und Erhebungen vorgestellt und diskutiert. Einen Gesamtüberblick über die thematischen Ansätze der Explorationen und ihrer Ergebnisse vermittelte dabei Prof. Dr. Werner Bergmann vom Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin. Er konstatierte, dass zunehmend andere Themen als die Shoa auf der politischen Agenda der Parteien stünden, so seit 2002/2003 vor allem der Nahostkonflikt. Ebenso werde die Hasskriminalität im Internet als bedrohlich wahrgenommen, wobei Antisemitismus dabei nicht unbedingt im Vordergrund der menschenfeindlichen Äußerungen stünde, aber immer dort ende. Salafisten, Reichsbürger und andere Akteure rechtspopulistischer Bewegungen seien dort aktiv, der Antisemitismus sei aber in der Mitte der Gesellschaft präsent und die Prävention müsse, so Prof. Dr. Werner Bergmann, auch zuerst dort und nicht im rechten politischen Spektrum ansetzen.

 Prof. Dr. Werner Bergmann vom Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin

Prof. Dr. Werner Bergmann vom Zentrum für Antisemitismusforschung Berlin stellt aktuelle Forschungsergebnisse vor


Dabei dürfe aber nicht ausgeklammert werden, dass auch Muslime zunehmend als Trägergruppe hinzugekommen sind, auch, aber nicht ausschließlich im Kontext der Flüchtlingsproblematik. Die größten Unterschiede innerhalb der muslimischen Bevölkerung seien in der 3. Generation auszumachen, die sich nach den Integrationsbemühungen ihrer Vorfahren wieder ihren Wurzeln zuwende und damit auch anfällig für Propaganda aus den Herkunftsländern sei. Die Imame stünden oftmals unter erheblicher Spannung, zu beobachten sei hier auch eine Opferumkehr in dem Sinne, dass eine Bevorzugung von Juden gegenüber Muslimen angenommen werde, was weitere Ressentiments nach sich ziehe.

Für das Projekt „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ konnte Solveig Steinkamp wichtige Impulse aus der Studientagung mitnehmen, vor allem aber die Erkenntnis, dass „der Bereich Prävention durch Bildung breiter verstanden werden und mit Intervention zusammen gedacht werden muss.“ Im Rahmen der Arbeitsgruppe fließen diese Ergebnisse in die konkrete Planung und Entwicklung von öffentlichen Angeboten zur Phänomenvermittlung Antisemitismus, die im Rahmen der Projektwerkstatt ausprobiert und im Hinblick auf Wirksamkeit, Reichweite und Nachhaltigkeit evaluiert werden sollen. „Ich würde mir wünschen, dass wir Antisemitismus im gesellschaftlichen Bewusstsein so vermitteln könnten, dass es nicht nur als historisches Ereignis gesehen wird, sondern als aktuelles Problem gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, das auf der gleichen Stufe wie Rechtsextremismus oder religiös motivierten Extremismus steht. Das ist aber ein langer Weg“, so Mark Sauer als Verantwortlicher des Projektes, das vom  Bundesprogramm „Demokratie leben!“ des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird.



Werkstattthema
"Antisemitismus im Kontext von Migration"


"Antimuslimischer Rassismus als Nährboden für antisemitische Einstellungen"

Antisemitismuskritische Fortbildung für Sozialpädagog*innen im Jugendbereich und Schulsozialarbeit

16.06.2017, 10:00 – 16:00 Uhr
Jugendzentrum Alter Bahnhof Geesthacht, Bahnstraße 45

Antisemitismuskritische Fortbildung für Lehrkräfte

15.06.2017, 15:00 – 19:00 Uhr
Berufsbildungszentrum Mölln, Kerschensteiner Str. 2

Der Verein Miteinander leben e.V. arbeitet im Rahmen des Bundesmodellprojektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ an der Vermittlung von Unterrichtskonzepten zum Themenfeld "Historischer und aktueller Antisemitismus". In diesem Jahr liegt das Interesse dabei auf dem Phänomen des „Antisemitismus im Kontext von Migration“, das gerade auch im Zuge der verstärkten Zuwanderung aus dem Konfliktraum Nahost thematisiert wird. Laut Astrid Messerschmidt ist dabei zu beachten, dass eine antisemitismuskritische Bildungsarbeit über die Bearbeitung des Antisemitismus hinaus auch Themen wie Religion, Werte und Rassismus in der Gesellschaft behandeln muss, insbesondere auch die Phänomene des „Alltagsrassismus“ und des „Antimuslimischen Rassismus“, um tiefgreifendes Verständnis für bestehende Abwertungsmechanismen auch bei muslimischen Zuwanderern sowie daraus resultierend lebensweltliche Ansatzpunkte für diese Bildungsarbeit zu finden. Zusammen mit Ufuq.de Berlin sollen genau zu diesen Aspekten Handlungsoptionen für die sozialpädagogische Jugendarbeit vermittelt werden.


Welche Bilder über ‚den Islam‘ und ‚die Muslime‘ gibt es, wie funktioniert ‚Religiöses Othering‘, wie weit sind Rassismen verbreitet, welche Vorurteile habe ich selber? Darüber hinaus soll das Verhältnis zwischen individuellem und strukturellem Rassismus thematisiert werden. Abschließend werden gemeinsam Schritte und Handlungsmöglichkeiten für die pädagogische Praxis erörtert. Die Fortbildung ist kostenfrei. Anmeldungen unter 04541-206726 oder miteinander.leben@t-online.de


Ufuq.de ist ein anerkannter Träger der freien Jugendhilfe und in der politischen Bildung und Prävention zu den Themen Islam, Islamfeindlichkeit und Islamismus aktiv. Mit seinen Angeboten hat Ufuq.de sich bundesweit als Ansprechpartner für Pädagog_innen, Lehrkräfte und Mitarbeiter_innen von Behörden etabliert.


www.ufuq.de

"Begriffsgrundlagen, Handlungsanregungen und Methoden am Beispiel des Nahostkonfliktes"


Antisemitismuskritische Fortbildung für Lehrkräfte


12.06. – 13.06.2017, 15:00 – 19:00 Uhr

Gemeinschaftsschule Mölln, Auf dem Schulberg

14.06. - 15.06.2017, 15:00 - 19:00 Uhr
Hanse-Schule für Wirtschaft und Verwaltung, Lübeck


Antisemitische Denk- und Deutungsmuster sind in allen Teilen der deutschen Gesellschaft anzutreffen. Die Motive und Erscheinungsformen sind derweil vielfältig. Häufig spielt die NS-Vergangenheit eine Rolle, die als moralische Last empfunden wird.

Zudem treten antisemitische Einstellungen immer häufiger unter Bezugnahme auf den Nahostkonflikt und den Staat Israel auf. Über seine grundlegende weltpolitische und lebensweltliche Bedeutsamkeit hinaus scheint dieser Konflikt eine zentrale Projektionsfläche und/oder Ursache antisemitischer Deutungsmuster, Positionierungen und Handlungen zu sein. Im Rahmen des Projektes „ZUGÄNGE SCHAFFEN“ lädt der Verein Miteinander leben e.V. zusammen mit KIgA e.V. zu einer Fortbildung, um genau zu diesen Aspekten Handlungsoptionen für den schulischen Alltag zu vermitteln.

Am ersten Tag der Fortbildung werden zentrale Begriffe und Informationen sowie praxisorientierte Herausforderungen und erste Handlungsanregungen einer antisemitismuskritischen politischen Bildung – mit Fokus auf den Nahostkonflikt – erarbeitet und diskutiert. Am zweiten Tag steht die Vermittlung konkreter und bewährter Methoden im Sinne einer antisemitismuskritischen politischen Bildung zum Nahostkonflikt im Fokus. Die Fortbildung ist kostenfrei. Anmeldungen unter 04541-206726 oder miteinander.leben@t-online.de


Bildungsträger KIgA e.V. - Kreuzberger Initiative gegen AntisemitismusDer Bildungsträger KIgA e.V. - Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus - entwickelt innovative Konzepte für die pädagogische Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft. Seit 2003 erarbeitet er modellhafte und lebensweltlich orientierte pädagogische Ansätze und Materialien für die politische Bildung und setzt sie in die Praxis um. Bundesweit unterstützt KIgA e.V. mit seinen Kompetenzen und langjährigen Erfahrungen Interessierte aus Bildung und Zivilgesellschaft, qualifiziert Multiplikatoren/-innen, gestaltet wissenschaftliche Diskurse aktiv mit und bietet Expertisen und Beratung für den Bildungsbereich, für Politik und Gesellschaft.

www.kiga-berlin.org



Shoah-Überlebender bewegte Auszubildende der Polizeischule Eutin zutiefst

Ein wichtiger Baustein in der Arbeit gegen Antisemitismus ist die Begegnung mit Zeitzeugen des Holocaust, ein Zugang, den das Vorgängerprojekt "OPEN MIND - Leben mit dem gelben Stern" in der Region seit vielen Jahren praktiziert. Über ihren Verein Yad Ruth e.V. hat Projektleiterin Gabriele Hannemann vielfältige Kontakte zu Überlebenden der Shoah in Israel und Osteuropa und kann mehrmals im Jahr Zeitzeugen an Schulen in der Region vermitteln.   

Ende Januar war erneut Tswi Joseef Herschel aus Israel zusammen mit seiner Tochter vor Ort und absolvierte zahlreiche Gespräche mit Schüler*innen. Im Mittelpunkt stand dabei zum einen seine eigene Lebensgeschichte, die untrennbar mit dem Holocaust verknüpft ist, aber auch seine zentrale Botschaft, die Auseinandersetzung mit Antisemitismus in der Gesellschaft fortlaufend und mit Enagement zu führen.  

Ein Besuch führte ihn dabei zu einem auch für das Projekt ZUGÄNGE SCHAFFEN sehr bedeutsamen Lernort, der Polizeidirektion für Aus- und Fortbildung und für die Bereitschaftspolizier Schleswig-Holstein (PDAFB) in Eutin.

Betroffen, berührt, nachdenklich,schreibt Annette Granzin von der (PDAFB), so reagierten die rund 150 Polizeiobermeisteranwärter und –anwärterinnen auf den Vortrag Tswi Herschels aus Israel. Initiiert hatte Gabriele Hannemann den beeindruckenden Besuch des Shoah-Überlebenden Herschel im Rahmen des Unterrichts im Fach Politische Bildung.

Zunächst stellte Herr Herschel seine persönliche Geschichte dar, indem er die Stationen seines Lebens anhand eines „Lebenskalenders“ schilderte, als Vision aufgezeichnet von seinem Vater Nico Herschel.


Zswi Herschel während seines beeindruckenden Vortrags;
Ausschnitte aus Präsentation;
Der Leiter der PDAFB, LPD Michael Wilksen, begrüßt Zswi Herschel


Herschel kam am 29. Dezember 1942 während des Zweiten Weltkrieges in den Niederlanden zur Welt. Als die jüdische Familie 1943 ins Amsterdamer Getto ziehen musste, vertraute das Ehepaar Herschel seinen Sohn einer protestantischen Familie an, die ihn bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges behütete. Tswis Eltern wurden in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort ermordet.

Im Juni 1945 nahm Tswis Großmutter väterlicherseits den Enkel zu sich. Nur durch Zufall erfuhr er, dass und wie seine leiblichen Eltern ums Leben gekommen waren.  1964 zog Tswi nach Amsterdam und heiratete im Jahr 1965. Mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern wanderte er 1986 nach Israel aus. Seit Jahren engagiert sich Tswi Herschel in Aufklärungs- und Erziehungsarbeit zum Thema Shoah und erzählt seine Geschichte in Israel und Europa für Jugendliche und Erwachsene.

Im zweiten Teil der Veranstaltung trat die jüngere Tochter Natali ans Mikrofon und sprach von den Auswirkungen der Vergangenheit ihres Vaters auf ihr Leben. Sie schilderte sehr eindrücklich, dass durch jede Art von Völkermord Familien zerstört würden.

Anschließend hielt Herr Herschel einen Vortrag über die „Versteckten Kinder“ und legte dar, unter welchen Traumata die während der Zeit des Nationalsozialismus versteckten Kinder noch heute leiden.

Herschel stellte besonders heraus, dass es ihm eine Freude sei, vor angehenden Polizisten der „neuen Generation“ zu sprechen. Er möchte Brücken bauen und die Erinnerung lebendig halten. Antisemitismus und Diskriminierung müsse aufhören: „JETZT!“

Der Leiter der PDAFB, LPD Michael Wilksen, bedankte sich im Namen der Behörde bei den Besuchern und sprach von einer großen Ehre, Zswi Joseef Herschel in der PDAFB begrüßen zu dürfen. Zusätzlich betonte er die immense Wichtigkeit dieses Nachmittags für die Anwärterinnen und Anwärter im Hinblick auf ihren zukünftigen Beruf und im Bewusstsein der deutschen Vergangenheit, auch gerade der Vergangenheit der Polizei.


Übergreifendes Jahresthema
"Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft"

Expertengespräch - Fortsetzung
"Antisemitismus ... ein Schwer vermittelbares Phänomen"

am 02.02.2017, 18:00 Uhr
Internationale Begegnungsstätte „Lohgerberei“
Bahide-Arslan-Gang, 23879 Mölln

Das Projekt "ZUGÄNGE SCHAFFEN" verfolgt neben seiner schulischen Ausrichtung auch das Ziel, zusammen mit den jüdischen Gemeinden der Region zeitgemäße Konzepte zu entwickeln, um für aktuelle antisemitische Tendenzen in der Mitte der Gesellschaft zu sensibilisieren und das Phänomen in den Kontext eines öffentlichen Diskurses zu stellen. Hierbei geht der Projektträger von der Prämisse aus, dass die Beschäftigung mit den Thema „Antisemitismus“ überwiegend nur in kleineren Zirkeln interessierter Bürger*innen erfolgt, ein Problembewusstsein in der Breite der Gesellschaft allerdings nur wenig anzutreffen ist, ebenso wie die Kenntnis über jüdisches Leben in der Region. Da es, wie es sich am Thema „Rechtsextremismus“ nachvollziehen lässt, durchaus möglich ist, die Gesellschaft in größerem Umfang für Problemlagen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu sensibilisieren, stellt sich, hier die Frage, warum dies zum Thema „Antisemitismus“ nur wenig gelingt. Liegt es an der im Vergleich zu rechtsextremen Taten geringen medialen Wahrnehmung von antisemitischen Vorfällen, an der geringen medialen Wahrnehmung von jüdischem Leben in der Region, am allgemeinen Desinteresse gegenüber jüdischem Leben, an einer perspektivischen Verzerrung, unter der jüdisches Leben immer noch im historischen Kontext des Holocaust wahrgenommen und die Gegenwart dabei ausgeblendet wird? Oder liegt es daran, dass in der Mitte der Gesellschaft wenig deutlich ist, was unter Antisemitismus zu fassen ist, in welchen Facetten sich dieser äußert und wie die Äußerungen in den jüdischen Gemeinden wahrgenommen werden? Ist es also eine Frage von medialer Darstellung, von pädagogischer Sensibilisierung oder richtiger Wahl der Veranstaltungsformaten, über die hier diskutiert werden sollte, um das Phänomen des Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft sichtbarer, begreifbarer und auch als Problem, das gesamtgesellschaftliches Handeln erfordert, erkennbarer werden zu lassen?

 

Diesen Fragen wurden im Rahmen eines ersten Expertengespräches am 13.10.2016 in Räumen des Arbeitskreises Kinder- und Jugendschutz (AKJS) Kiel erörtert und am 02.02.2017 in der Internationalen Begegnungsstätte „Lohgerberei“ in Mölln fortgeführt


Teilnehmerkreis:


  • Jan Riebe von der Amadeo-Antonio-Stiftung

  • Rabbiner Dr. Yakov Yosef Harety

  • Solveig Steinkamp, Mitglied der jüdischen Gemeinde Bad Segeberg,

  • Sieghard Bußenius, Verein Miteinander leben e.V. und Mitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit

  • Gabriele Hannemann, Projektleiterin ZUGÄNGE SCHAFFEN und Vorsitzende des Vereins Yad Ruth e.V.

  • Mark Sauer, Vorsitzender des Verein Miteinander leben e.V. und Projektkoordinator ZUGÄNGE SCHAFFEN


Protokoll des Expertengesprächs


Jahresthema 2017
"Antisemitismus in
Kontext von Migration
"


"Antisemitismus in all seinen
aktuellen Erscheinungsformen bearbeiten
"
Projekt "ZUGÄNGE SCHAFFEN" des Vereins Miteinander leben e.V.

transferriert bundesweites Fachwissen für Schulen und Jugendeinrichtungen in Schleswig-Holstein


Mit einem Fachgespräch hat der Verein Miteinander leben e.V. das zweite Jahr der Konzeptwerkstatt "Antisemitismus" im Rahmen des Bundesmodellprojektes "ZUGÄNGE SCHAFFEN" gestartet, die zusammen mit Partnerschulen in der Region neue Unterrichtskonzepte zum Themenfeld "Historischer und aktueller Antisemitismus" vermittelt und in der Unterrichtspraxis ausprobiert. Während im vergangenen Jahr geeignete Lehrwerke der "Holocaust-Education" für die 4. Klassenstufe im Grundschulbereich im Fokus der Werkstattarbeit standen, liegt das Interesse in diesem Jahr auf dem Phänomen des aktuellen Antisemitismus, insbesondere im Kontext von Migration. Entsprechend trafen sich zu Jahresbeginn Expert*innen verschiedener, überregionaler Bildungseinrichtungen in Mölln, um über ihre Projekterfahrungen in der Bearbeitung von antisemitischen Einstellungen bei jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zu referieren. Dabei wurde einmal mehr deutlich, wie facettenreich Antisemitismus in der Gesellschaft auftritt. In seiner primären Form, die sich deutlicher bei Zuwanderern aus dem Nahen Osten wahrnehmen lässt, richten sich die abwertenden und ausgrenzenden Einstellungen direkt gegen jüdisches Leben, oft verbunden mit dem Kontext des Nahost-Konfliktes, der eigenen Opferrolle in diesem Konflikt und einer Kritik am Staat Israel, die auch in Medien aus den jeweiligen Heimatländern stetig kolportiert wird. Sie unterscheidet sich in dieser Verbindung allerdings deutlich von den Formen des primären Antisemitismus, wie sie zu Zeit des Dritten Reiches in Deutschland und ganz Europa verbreitet war und im Rechtsextremismus oder auch in der "Reichsbürger-Szene" heute noch verbreitet ist. Und sie unterscheidet sich ebenso von dem in Deutschland selbst noch weit verbreiteten sekundären Antisemitismus, der sich weniger gegen jüdisches Leben vor Ort richtet, als vielmehr das Gedenken an den Holocaust und die Verbrechen der Nationalsozialisten beenden sowie die geschichtliche Verantwortung relativieren will. 


Auftakt
Expert*innen beraten die Konzeptwerkstatt "Antisemitismus"
des Vereins Miteinander leben e.V. zum Jahresthema
"Antisemitismus im Kontext von Migration"

(vl.) Jan Riebe, Amadeo-Antonio-Stiftung, Dr. Ya┼čar Aydin, Türkische Gemeinde Hamburg und Ungebung e.V., Mirjam Gläser, Ufuq e.V., Gabriele Hannemann, Projektleiterin der Konzeptwerkstatt, Katrin Thomas, Schulrätin des Kreises Herzogtum Lauenburg

In der Expertendiskussion stellten Vertreter*innen der Amadeo-Antonio-Stiftung Berlin, von Ufuq e.V. Berlin sowie der Türkischen Gemeinde Hamburg und Umgebung e.V. ihre Projektarbeit vor, die sich vielfach im schulischen Rahmen aber auch in der offenen Jugendarbeit abspielt, und konnten so der Konzeptwerkstatt wichtige Bausteine für geeignete Lehrkonzepte vermitteln. Projektleiterin Gabriele Hannemann, die seit vielen Jahren in den Schulen der Region zum Thema "Antisemitismus" und "Holocaust-Education" arbeitet und Lehrkräfte in Schleswig-Holstein hierbei berät, sowie Schulrätin Katrin Thomas konnten dabei viele Einblicke gewinnen, gerade auch wie die Bearbeitung von antisemitischen Einstellungen im Kontext des Nahost-Konfliktes bei jungen Menschen im Unterricht gelingen kann. Ganz wichtig, so eine Erkenntnis, ist dabei auch, das Themenfeld "antimuslimischer Rassismus" im Blick zu behalten. Antisemitische Äußerungen und Einstellungen sind gerade bei jungen muslimischen Menschen häufig eine Projektion eigener Ausgrenzungserfahrungen, die es ebenfalls wahrzunehmen und anzuerkennen gilt, damit ihnen wirksam im Unterricht begegnet werden kann.

Im Jahresverlauf wird die Konzeptwerkstatt "Antisemitismus" des Vereins Miteinander leben e.V. weiteres Fachwissen sammeln, beispielsweise mit Unterstützung der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus KiGA e.V Berlin, bei PROvention, dem Landesprogramm gegen religiös begründeten Extremismus in Schleswig-Holstein oder beim Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg (LI). Ziel ist es, dieses Fachwissen für Lehrkräfte in Schleswig-Holstein aufzubereiten und Unterrichtseinheiten zu entwickeln, die in Partnerschulen vermittelt und getestet werden soll, bevor sie dem Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) zur Verfügung gestellt werden. Geplant ist dabei auch eine gemeinsame Fortbildungsoffensive für Lehrkräfte und Sozialpädagogen zum Themenkomplex "Antisemitismus im Kontext von Migration" mit Unterstützung aller der genannten Kooperationspartner des Vereins Miteinander leben e.V.

"Die Konzeptwerkstatt "Antisemitismus" des Vereins Miteinander leben e.V. ist als einziges Bundesmodellprojekt Schleswig-Holsteins im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben!" ist ein besonderer Türöffner für einen Wissenstransfer in die Schulen des nördlichen Bundesland und lässt Schleswig-Holstein von zahlreichen Best-Practice-Erfahrungen im Bundesgebiet profitieren", beschrieb Mark Sauer, Vorsitzender des Vereins Miteinander leben e.V. die Bedeutung des Projektes.